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"Seniorenfahrt" in die Dolomiten vom 23. bis 27. Juni 2010

Nur weil es uns gelungen ist, den noch für Juni vorausgesagten Kälteeinbruch mit Schneefall bis hinunter auf 1800m um eine Woche vorzuverlegen, konnte unsere geplante Dolomitentour bei bestem Wetter stattfinden. An dieser Stelle gilt mein besonderer Dank Martin Reis. Martin hatte im Vorfeld immer wieder auf mögliche Wetterumbrüche hingewiesen. Ohne seine Hinweise hätten wir die Wetterplanung nicht in unserem Sinne zielführend beenden können. Nur so konnten wir bereits am Tag der Ankunft beste Bedingungen in die Heimat melden.

Tag 1: Anreise und Einrollen am Panidersattel im Seiseralmgebiet

Gestartet sind am 23.6.10 Alois Engels, Andreas Gondorf, Wolfgang May und der Schreiberling selbst. 10dolom1Bereits die Anreise nach Wolkenstein am Nordwestrand der „Sellaronda“ gestaltete sich als entspannte Übung. An den drei folgenden Tagen waren Rundfahrten im Sellagebiet geplant. Weil wir bereits am Nachmittag eintrafen, wurde spontan eine erste Einlaufrunde von Wolkenstein über den Panidersattel (1437 m) in das Seiseralmgebiet absolviert. Hier in den Bergen kann man sich mühelos auch mit nur 30km genügend Höhenmeter in die Beine bringen. Bei einem (natürlich alkoholfreiem!) Weizen genossen wir die sommerliche Abendsonne mit Blick über das Seiseralmgebiet.

Tag 2: Die berühmte "Sellaronda"

Am nächsten Tag stand die obligatorische „Sellaronda“ auf dem Programm. Als Senioren entschieden wir uns die Runde im Uhrzeigersinn zu fahren. Der Anstieg zum Pordoi Pass ist so etwas leichter zu bewältigen. Von Wolkenstein ging es zunächst mit dem Radl steil nach oben an die eigentliche Strecke rund um den Sellastock. Etliche Radler hatten aufgrund des traumhaften Wetters den gleichen Gedanken, so schlängelten sich Dutzende sommerlich bekleidete Radler und -innen zwischen Bussen, PKW`s und Motorrädern den Berg hinauf. Als erstes gings dann hinauf zum 2120 m hohen "Grödnerjoch". Es sei gesagt, man kann diese Tour nicht ohne Fotostops absolvieren. Die Aussichten sind einzigartig! Nach der Abfahrt ins Tal Richtung Corvara und Capuccino-Pause folgte der Anstieg zum "Passo di Campolongo" (1875 m). Von Corvara aus sind das nur knapp über 300 Höhenmeter, also leicht zu bewältigen.
Damit der nächste Anstieg ordentlich lang wird, haben unsere Vorfahren den Ort Arabba tief unten im Tal am Südostrand der Sellaronda genau an der Stelle aufgebaut, von wo man in östlicher Richtung zum "Passo Falzarego" und Cortina d`Ampezzo gelangt und in westlicher Richtung ein wunderschönes Tal hoch hinauf zum "Passo Pordoi" fahren kann. 10dolom2Wir entschieden uns gleich den Anstieg hinauf zum „Pordoi“ unter die Räder zu nehmen. Dort auf 2240m angekommen gab`s Tortellini in Brodo. Immerhin hatten wir an diesem Tag bereits 3 Pässe in den Beinen und es stand noch der vierte und gleichzeitig im Anstieg der steilste "Passo Sella" (2244 m) auf dem Programm. Die Auffahrt zum Pordoipass führt durch ein breites Tal. Die Straße schraubt sich über etliche Kurven nach oben und bietet fantastische Ausblicke auf den Sellastock und zurück hinunter ins Tal Richtung Arabba. Auf der Passhöhe hatte der kürzliche Wintereinbruch gerade noch zu viel Schnee liegen lassen, dass wir unsere Räder für ein lustiges Foto darin drapieren konnten. Die Abfahrt vom Pordoi nach Canazei ist steiler und man verliert innerhalb von wenigen Minuten wieder all die mühsam erstrampelten Höhenmeter. Der vierte Pass am ersten Radltag wurde dann von Süden aus erradelt. Recht steil ging es diesmal auf den ebenfalls 2240m hohen „Passo del Sella“ und bereits auf der Fahrt dort hinauf baut sich der 3180m hohe Sasso Lungo (Langkofel) gewaltig vor einem auf. Von oben kann man dann noch mal den Blick schweifen lassen.
Irgendwie musste noch was zum Abschluss her und so entschieden wir uns, an die steile Abfahrt vom Sella hinunter zurück nach Wolkenstein noch einige weitere Kurven nach unten dran zu hängen. Wolkenstein liegt immerhin noch auf ca. 1600 m und so konnten wir in kurzer Zeit weitere Höhe verlieren, um dann wie am Vortag wieder nach oben zur Seiser Alm (1850 m) zu fahren. Von hier aus geht der Blick weit Richtung Westen über das Eisacktal hinaus. Dort unten muss irgendwo Bolzano liegen. Wolfgang addierte noch die gefahrenen Tageskilometer, als Alois schon von der Altstadt Bolzano’s schwärmte. Schnell hatten wir auf der Karte den Weg hinunter ins Eisacktal gefunden. Das Ziel für den 3. Tag war Bolzano!

Tag 3: Zu Besuch in "Bolzano"

Der dritte Tag begann also mit einer grandiosen, langen Abfahrt hinunter ins knapp 50km entfernte Bolzano. Irgendwie wurde dann früher oder später jedem bewusst, dass nach Stadtbesichtigung und Eis essen noch ein dickes Ende kam.
Aber erstmal Genuss in der Altstadt von Bolzano. Capucci, Tarte und Brioche waren gerade recht für ein zweites Frühstück in einer der lebhaften, kleinen Strassen. Alois fand hier auch eine Apotheke und ob er dort wirklich nur Salbe kaufte, entzieht sich meiner Kenntnis. 10dolom3Verdächtig lange verhandelte er und tausche schließlich Geld gegen etwas, woran ich später am Berg noch einmal denken musste. Doch erstmal ein Plattfuß, den Alois vor dem nahen, geschlossenen Radladen (der Besitzer muss wenige Minuten zuvor in seine verdiente Mittagspause gegangen sein) schnell reparierte.
Die Heimreise zurück ins Hotel begann dann mit leichtem Einrollen auf einem vollkommen neuen Fahrradweg entlang der Eisack in nördlicher Richtung. Bolzano liegt tief, bis Wolkenstein waren es nur wenige Kilometer und leicht konnte sich also jeder ausrechnen, dass da irgendwo noch Steigungen zu bewältigen waren. Kaum drüber nachgedacht zwang uns ein Anstieg schon zum großen Ritzel. Jeder auf sich selbst gestellt, erklommen wir die vielen Hügel und Kurven nach oben über Völz, Seis und dann wieder durchs Seiseralmgebiet zurück nach Wolkenstein. Dort angekommen, wurden wir schon mit Musik empfangen. An Bühnen wurde gebaut, Absperrungen vorbereitet...alles deutete auf zwei Radveranstaltungen der besonderen Art hin. Samstag früh sollte von Wolkenstein aus der härteste Mountainbike-Marathon Europas, der Sellaronda Hero gestartet werden. Und Sonntag dann der Sella Ronda Bike Day, an dem die Sellaronda komplett für den Verkehr gesperrt ist.

Tag 4: Passo Fedaja & Pordoi zum Zweiten

Für den heutigen hatte ich mir schon im Vorfeld die Karte angesehen und eine Strecke gewählt, die in Canazei, einem kleinen Touristenort am nördlichen Ende des aus Richtung Bolzano aufsteigenden „Val di Fassa“ beginnen sollte. Von Canazei gelangt man über eine zunächst flach ansteigende Strasse, später über steilere Kurven hinauf ins Marmolada-Gebiet. Nach vielen Steigungen gelangt man später in Passhöhe auf 2057m Höhe zunächst an einen Stausee. Die Wasserfarbe dieser Gewässer hier in den Dolomiten ist eine unbeschreibliche Mischung aus Grün- und Blautönen, die ohne jeden Zweifel den Neid aller bei uns einheimischen Gewässer auf sich ziehen würde. 10dolom4Noch wenige Meter am See entlang und man gelangt an die eigentliche Passhöhe des „Passo Fedaia“. Hier war es erstmal ratsam, dass durchschwitzte Trikot gegen ein trockenes zu tauschen oder sich wenigstens in eine Jacke zu hüllen, denn ein trotz blauem Himmel und Sonne scharfer Wind zwang uns dazu.

Während Wolfgang schon mittels allerlei technischer Hilfsmittel genau herausfand, wie viel Meter wir auf der folgenden Abfahrt an Höhe verlieren, war ich noch mit meinem Apfelstrudel beschäftigt. Aus Wortfetzen verstand ich aber, dass es tief hinab ins Tal gehen würde. Auf der 16% steilen Abfahrt ins Tal wurde dann früher oder später jedem klar, dass wir das alles wieder nach oben müssen. Übrigens: Wenn wir groß sind, fahren wir das mal andersherum. Dann können 16% noch mal ganz anders wirken und die Zeit zum Staunen gewinnt plötzlich ungemein schnell an Länge. Nach unten geht’s teils über talseitig frei herausragende Strassen, vorbei an Felsmassiven rechts und links. Irgendwann, wenn die Finger vom Bremsen wehtun und man denkt „das muss es doch jetzt sein“ wird die Strasse flacher, um dann nach der nächsten Kurve erneut nach unten zu fallen. Die Natur tauscht hier die Felsen gegen dunkle Nadelwälder… „und es geht immer weiter nach unten. Da führt uns keine Flachetappe wieder heraus!“

Plötzlich war ich froh, nicht die genaue Zahl der Höhenmeter zu kennen, die uns bevorstanden. Eine große Anzahl sollte es gewesen sein. Das genügte, um in der Kramkiste der positiven Eigenmotivation (Jens, du hast mir gefehlt!) nach möglichen Strategien zu suchen. „Den Anderen ging es nicht besser, die haben nur später damit angefangen.“
Und so tauschte sich die Reihenfolge, in der wir uns die Hügel wieder hinauf kämpften ab und an einmal. Der Weg aus diesem Loch führte uns über eine wunderbare, kleinere Straße am Hang entlang nach oben. Irgendwann kamen wir an der Hauptverbindung von Cortina d`Ampezzo und Sellagebiet an und konnten zwischen Passo Falzarego und Richtung des Pordoi wählen. Der Passo Pordoi sollte auch an diesem letzten Tag unser Ziel sein. Zuvor weiter nach oben nach Arabba, wo ebenfalls alles schon an den Vorbereitungen für den Sella Ronda Bike Day arbeitete.
Für uns gabs erstmal eine Mahlzeit, bevor wir gemeinsam den Aufstieg zum Pordoi angingen. Wir kannten den Aufstieg ja bereits und so konnte jeder seine eigene Technik optimieren, mit der er die vielen Kurven zum anstrengenden Genuss werden lassen konnte. 10dolom5Die Wirtin der Pass-Kneipe muss etwas zu feiern gehabt haben. Jedenfalls fand sich schnell eine Gruppe Italiener ein, die es trefflich verstand, aus den herumliegenden Schnee- und Eisbrocken kleine Wurfgeschosse zu bauen, bevor sie gemeinsam zu lautstarkem Chorgesang - der Wirtin gewidmet - anstimmten. Wir haben nur Bruchstücke verstanden und so konnten wir mit etwas Kreativität den Gesang gedanklich einfach uns selbst gewidmet, quasi als Abschlusskonzert unserer Tour, werten.
Alois hatte noch nicht genug und so entschloss er sich auf der Heimfahrt nach Wolkenstein noch einmal den „Sella“ mit zu nehmen. Wir anderen haben uns ins Tal auf eine mehr als 12km lange, teils mächtig steile Abfahrt begeben. Schon bei den vorangegangenen Abfahrten ist mir aufgefallen, das Andreas aus seinem Erfahrungsschatz (kann auch sein, dass er einfach mehr Mut hat!) seiner früheren Motorradleidenschaft schöpfen kann. Ich halte es da mit den Schweizern: „Wir sind nicht langsamer, wir genießen nur länger.“

Sonntag und damit Abreisetag. Wir konnten uns nicht trennen und hätten am Liebsten den Sonntag zum Ruhetag gemacht und in der Heimat weitere Tage Urlaub beantragt. Die Vernunft siegte schließlich und wir machten uns nach einem zweiten Frühstück am späten Vormittag über den Brenner auf den Weg zurück.

Wenn ich jetzt sage, dass wir da alle noch mal hinwollen, bin ich mir der Zustimmung von Alois, Andreas und Wolfgang sicher. Wenn der Bericht auch andere zu einer solchen Tour motiviert, um so besser!

Alla prossima Volta!

Manfred Stein

 

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