index

Tilff-Bastogne-Tilff

27.05.2012 - Perfekter Radsporttag beim Jedermann-Klassiker in den Ardennen

Radsportveranstaltungen in Belgien sind immer von einer besonderen Atmosphäre geprägt, wie Martin Reis, Max Göke und ich beim Ardennenklassiker Tilff-Bastogne-Tilff unlängst wieder feststellen konnten. Zum einen liegt dies am Streckenverlauf, der durch ländliche Mittelgebirgsregionen führt und dabei zahlreiche Anstiege mitnimmt (darunter auch viele bekannte aus dem Profirennen wie die „Redoute“ oder die „Côte de Wanne“). Ein Paradies also für alle leidenschaftlichen Kletterer und Freunde des Profiradsports.
Zum anderen ist der Radsport in Belgien Volkssport, was sich in der Stimmung auf und abseits der Strecke und bei den hohen Teilnehmerzahlen wieder spiegelt. In diesem meinem Premierenjahr machten sich über 6300 Fahrer auf den 242 km langen Weg von Lüttich nach Bastogne und zurück.

Schon am frühen Morgen begleitete uns perfektes Radsportwetter mit Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen. Gegen 6:30 Uhr rollten wir vom Sportzentrum auf einer Anhöhe über Lüttich hinab zum offiziellen Start, wo sich uns auch gleich einige Mitfahrer anschlossen. 12tilff1In einer großen Gruppe machten wir auf den ersten Kilometern im flachen Tal schon ordentlich Tempo, ohne uns jedoch zu verausgaben. Bald darauf bog die Strecke plötzlich und unerwartet ab und wir knallten mit Vollgas in die erste richtig steile Hürde des Tages, den „Côte des Chambralles“. Am Fuß des Anstiegs sprang mir dummerweise nach einem Schaltfehler gleich mal die Kette vom Rad und die Gruppe zog davon. Unter heftigem Fluchen sprang ich im Steilstück wieder aufs Rad und fand mit viel Mühe und Kraft bis oben wieder den Anschluss.

Anders als beim Flèche Wallone, wo es mehr oder weniger ununterbrochen steil bergauf und bergab geht, sollten viele längere Flachpassagen die heutige Strecke etwas leichter machen und erst in der zweiten Hälfte die Hauptschwierigkeiten auf uns zukommen. Aus diesem Grund suchten wir bis zum Wendepunkt in Bastogne (Km 103) und im weiteren Verlauf immer wieder den Kontakt zu größeren Gruppen, um im Flachen einen hohen Schnitt zu halten und uns gleichzeitig nicht zu verausgaben. An den sporadisch auftauchenden kurzen Steilrampen oder an den zwei Verpflegungskontrollen unterwegs zerfielen die gemischten Gruppen aus Belgiern, Holländern, Spaniern, Dänen und weiteren Nationen dann meist wieder schnell, dank der enormen Teilnehmerzahlen war es aber immer ein Leichtes, neue Mitstreiter zu finden.

Nach knapp 160 Kilometern läutete der „Mont-le-Soie“ den schwierigen Streckenteil und somit das Finale mit den berühmten Anstiegen des Profi-Rennens ein. Bis hierhin hatten wir unsere Kräfte glücklicherweise noch eher sparsam eingesetzt und uns an den Anstiegen etwas zurückgehalten. Aber da die Beine noch super mitspielten und die Tagesform richtig gut war, schalteten Max und ich von nun an bei jedem Anstieg auf Renntempo um. So schnell es ging, sprinteten wir die Steilrampen des Côte de Wanne, Côte d’Amermont oder Col du Rosier (wo ich leider meinen Tacho verlor!) hinauf und überholten so ziemlich jeden, der vor uns fuhr. Am Ende zog ich leider meist den Kürzeren, denn Max konnte sich in den richtig steilen Passagen absetzen und irgendwie immer noch einen Zahn zulegen. Martin Reis hielt sich dagegen aus unseren Duellen raus, seine Form war nach Trainingsrückstand noch nicht wieder bei 100%.

Am frühen Mittag erreichten wir Sougné-Remouchamps (Km 217), wo die letzte Verpflegungszone bereit stand. Hier hielten wir uns nicht lange auf, sondern tranken nur ein paar Schlücke und stopften die Trikottaschen mit köstlichen belgischen Zuckerwaffeln voll. 12tilff2Der Grund für den verkürzten Stopp war die berühmte „Côte de la Redoute“, jener 2 km lange, bis zu 21% steile Scharfrichter zum Schluss den Profirennens. Uns war der Anstieg bereits vom „Flèche“ eine Woche zuvor bestens bekannt, doch stand dieser damals am frühen Morgen als einer der ersten Anstiege auf dem Programm. Heute mussten wir uns in der glühenden Mittagshitze, unmittelbar nach der Kontrolle und zum Ende des Tages dort hinauf quälen, was uns aber nur noch mehr anspornte. Max und ich fuhren selbstverständlich wieder unser kleines Privatrennen und verausgabten nach allen Regeln der Kunst. Er setzte sich erneut schon im unteren Teil der Auffahrt ab und ließ mir bis oben keine Chance. Vorbei an der endlos langen Kette von Mitfahrern, die fast alle auf der letzten Rille hinauf wuchteten oder sogar schoben, erreichten wir schweißgebadet ziemlich fertig den Gipfel. Dort machte mir dann ein Franzose lächelnd die Bedeutung des Anstiegs deutlich: „The Feared“ bzw. „Die Gefürchtete“ lautet die Übersetzung des Namens. Da konnte ich ihm breit grinsend über dem Lenker hängend nur zustimmen.

Bis zum Schluss waren es jetzt noch knapp 25 km und nur noch zwei weitere Anstiege (inklusive des Schlussanstieges zum inoffiziellen Ziel) sollten folgen. Beide Male ließen wir es uns nicht nehmen, mit letzter Kraft den Berg hinauf zu sprinten. Am Ende gewann einmal mehr Max und mit rund 8 Stunden Fahrzeit durchfuhren wir drei zusammen schließlich den Zielbanner.

Fazit: Für Tage wie diesen lohnt sich alle Vorbereitung im Winter und Frühjahr und die Schinderei im Training. Wenn die Form und auch das Wetter wie bei uns stimmen, machen die Strecke und besonders die Steilrampen einfach nur richtig Spaß. Dazu kommen dann noch die professionelle Organisation, leckere Verpflegung und natürlich die freundliche Atmosphäre und das gewisse radsportliche „Flair“ in Belgien, das man einmal selbst erlebt haben sollte. Was will man mehr?

Martin Schäfer

Tilff-Bastogne-Tilff

> hier mehr


Aktuelles

> hier mehr


Rennrad-Touren

> hier mehr