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Flandernrundfahrt (Jedermann & Profis)

05+06.04.2014 - Vier Mayener bezwingen die Hellingen und das flämische Kopfsteinpflaster

Auf die allermeisten Rennradfahrer üben die klassischen Eintagesrennen eine große Faszination aus. Dabei nehmen die sog. „Monumente des Radsports“ nochmal eine Sonderstellung ein. „Mailand - San Remo“, „Flandernrundfahrt“, „Paris - Roubaix“, „Lüttich - Bastogne - Lüttich“ und die „Lombardeirundfahrt“ bilden das sagenumwobene Quintett.

Diese Monumente sind für jeden Profi etwas besonderes und sie weisen alle spezifische Charakteristika auf, die das jeweilige Rennen einzigartig machen. Mittlerweile gibt es von nahezu allen großen Profirennen Breitensportvarianten. So bewältigten z.B. schon einige Mayener Radsportler die 300 km von Mailand nach San Remo, genauso wurden schon die Ardennen zwischen Lüttich und Bastogne bezwungen. Die „Kopfsteinpflaster-Klassiker“ wurden jedoch bislang durch den RSC Mayen noch nicht berührt.

Doch gerade hier stellt das „Einmal selbst Erleben“ eine Besonderheit dar, weil nirgendwo anders die Leiden der Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“ werden müssen, um die Leistungen nachvollziehen zu können. 14fland1Was freut sich doch der durchschnittliche deutsche Rennradler, wenn er ein kurzes Stück Kopfsteinpflaster überfährt - auf den Ausruf „wie bei Paris-Roubaix“ muss man meist nicht lange warten. Bald sollten wir merken, wie falsch diese Einschätzung doch in Wahrheit ist. Die Beschaffenheit und Länge eines Kopfsteinpflasterstücks entfalten sich erst so richtig in Flandern oder Nordfrankreich.
Doch der Reihe nach: Ende 2013 entschieden wir (Paolo Ferarra, Max Göke, Martin Schäfer und ich) uns, in 2014 einen weißen Fleck zu tilgen und die Flandernrundfahrt unter die Räder zu nehmen. Trotz 16 000 Startplätzen hieß es schnell sein, die Veranstaltung ist Wochen vorher ausgebucht.
Gesagt getan. Der Plan war schnell gefasst: Freitags die lange Anreise nach Brügge antreten, Samstags gemeinsam mit 16000 anderen Radsportverrückten die Strecke abradeln und Sonntags mit den wirklich radsportverrückten das Profirennen hautnah erleben.

Soweit so gut, dummerweise ließen wir uns schon vor dem Start und auf der Fahrt durch Brügges wunderschöne Altstadt hin zur Nummernausgabe von der Atmosphäre begeistern und verpassten so die kürzere Route. Der entstandene Zeitverlust führte dazu, dass wir uns nun doch ganz am Ende des riesigen Teilnehmerfelds befanden. Auf der einen Seite schade um die Atmosphäre, auf der anderen Seite blieben wir so von den Staus auf der Strecke oder an den Verpflegungsstellen verschont und hatten freie Fahrt.

Die ersten 130 km sind tellerflach und nur dann unter harten Klassikerbedingungen zu bewältigen, wenn hier starker Wind und/oder Niederschlag die Fahrer heimsucht. Wir erfreuten uns jedoch an schönstem Sonnenschein und blauem Himmel. Das waren dann zwar nicht die „Originalbedingungen“, beschweren wollte sich trotzdem niemand.
Nun ging es gleich richtig los: Auf den offiziellen 245 km mit 2100 Höhenmetern warteten 15 der berüchtigten „Hellinge“ und 4 flachere Kopfsteinpflasterpassagen. 14fland2Der Wolvenberg war zwar ein steiler Auftakt in den interessanten Streckenteil, aber „nur“ asphaltiert. Die flacheren Abschnitte „Ruiterstraat“ und „Kerkgate“ führten uns dann aber dafür umso mehr in die Thematik „flämisches Kopfsteinpflaster“ ein. Anfangs noch euphorisch brausten wir über den groben Schüttelparcour. Und der Begriff „grob“ ist hier durchaus angebracht, das Pflaster stellte sich als oft ungleichmäßig und mit sehr großen Steinen verlegt dar. Von Anfang an suchten zahlreiche Fahrer in unserer Umgebung verzweifelt nach Möglichkeiten rechts und links neben der Straße dem Pflaster zu entgehen. Anders die 4 Mayener: Wir waren schließlich genau dafür nach Flandern gekommen und wollten so jeden Meter „genießen“. Je später auf der Strecke die Abschnitte kamen, desto mehr wurde unsere Euphorie durch eine Art Durchhaltewillen ergänzt, auf jeden Fall alle Schwierigkeiten zu bewältigen.
Zunehmend versagten Finger, Hände, Nacken, Rücken oder Hinterteil ihren Dienst angesichts der ungewöhnlichen Belastung. Jeder von uns hatte unterschiedliche Problemstellen, den Spaß an der Sache konnte es gleichwohl nicht verderben.

Der „Molenberg“ war dann der erste echte Helling, ein schmales Sträßchen zwischen ein paar einsamen Häusern hindurch und dann als Hohlweg durch einen Wald war er auch sinnbildlicher Beginn des Mythos „Ronde de Flaanderen“ mit seiner über 100-jährigen Geschichte. Es folgten die berühmt berüchtigte „Paddestraat“ (über 2 km lang), „Haaghoek“, der „Leberg“, der schwierige „Valkenberg“, der „Boigneberg“, der „Eikenberg“ und schließlich der bis zu 22 % steile Koppenberg. An diesem Anstieg beginnt traditionell der entscheidende Teil des Profirennens und auch für uns standen nun die finalen 50 km mit 9 Hellingen vor der Tür.

Am Koppenberg sieht man, gerade bei schlechtem Wetter, nicht selten auch eine Menge Profis schieben. Angesichts meines bereits im Trockenen im Wiegetritt durchrutschenden Hinterrads wundert mich das nun nicht mehr. Dicht auf dicht im 4 km-Takt folgten nun „Steenbeekdries“, „Taaienberg“, „Kaperij“, „Kanarienberg“, „Kruisberg“ und „Karnemelkbeekstraat“. Nun wich unsere Strecke etwas von der Variante der Profis ab, da diese im Finale zwei Anstiege mehrfach befahren, was angesichts der großen Teilnehmerzahl bei den Breitensportlern zu Chaos führen würde. Trotzdem durften wir uns auf exakt die gleiche Schlusskombination freuen. Am „Oude Kwaremont“ (mit über 2 km der längste Kopfsteinpflasteranstieg) und 3 km später am „Paterberg“ entscheidet sich spätestens das Profirennen. 14fland3Hier kulminiert die Spannung, hier stehen zehntausende Fans und sorgen für eine grandiose Stimmung und hier setzen die Profis meist die finalen Attacken.

Auch bei unserer Überfahrt war die Bedeutung der Anstiege spürbar und auch wir konnten uns über einige „Fans“ freuen, die hier auch die Jedermänner anfeuerten. Links und rechts der Strecke waren schon überall die großen Partyzelte aufgebaut und für uns war klar, hier müssen auch wir am folgenden Sonntag wieder hin. „Oude Kwaremont“ und „Paterberg“ wurden dann auch ihren Erwartungen gerecht. Zunächst der Kwaremont mit seiner extremen Länge ohne Ausweichmöglichkeiten dank dicht stehender Absperrgitter, der, mindestens gefühlt, wohl aber auch objektiv, zudem noch das gröbste Pflaster mit teils großen Lücken aufbot und dann der bis 20 % steile Paterberg, der schnurgerade wie eine Wand vor den Fahrern auftaucht. Glücklich und zufrieden erreichten wir schließlich nach fast genau 10 Stunden Fahrzeit den schönen Marktplatz im Zielort Oudenaarde. Ein sehr gelungener Tag ging zu Ende und wir waren gespannt, wie denn die Profis das Ganze bewältigen würden.

Als Zuschauer beim Profirennen

Da wir ja in Brügge übernachteten, konnten wir ohne Hektik dem Start in der Altstadt beiwohnen. Diese Idee hatten noch ca. 40 000 andere, die dann eine fantastische Kulisse bei einsetzendem Regen boten. Noch schnell mit den für die Klassiker fast obligatorischen Fahnen mit dem flandrischen Löwen ausgestattet und schon ging es diesmal mit dem PKW in Richtung Oudenaarde. Hier erwartete uns ein perfekt organisiertes Shuttle-System, welches immerhin über eine Millionen Zuschauer an die teils sehr schmalen Straßen bringen musste. Wir platzierten uns zunächst am „Oude Kwaremont“, wo die Profis dreimal vorbeikommen sollten. Der unglaubliche Andrang sorgte jedoch dafür, dass wir die Fahrer nur von weitem und aus der 3. oder 4. Reihe erspähen konnten. Hier herrschte absolute Volksfeststimmung und nicht nur die Belgier, sondern, das Sprachengewirr verriet es, auch ein sehr internationales Publikum fröhnten belgischen Pommes und belgischem Bier.

Zur zweiten Überfahrt platzierten wir uns diesmal direkt an der Strecke an einem Stück Hohlweg und hatten beste Sicht auf das gesamte Geschehen. 14fland4Max schaffte es sogar in die Eurosportübertragung. Die Überfahrt lag noch knapp 50 km vor dem Ziel und wir sahen die Vorbereitungen zu den ersten Attacken. Mit Hilfe der überall aufgestellten Großbildleinwände konnte man auch problemlos das Geschehen fernab des eigenen Standorts nachvollziehen. Zum großen Finale wollten auch wir uns noch einmal anders postieren und querten daher zu Fuß zum nahen Paterberg. An diesem letzten Anstieg 12 km vor dem Ziel fiel im vergangenen Jahr die Entscheidung und wir hofften diesmal natürlich auf Ähnliches. Auf der Leinwand konnten wir sehen, wie das Duo Greg van Avermat und Stijn van den Berg sich leicht abgesetzt hatten und vom großen Favoriten Fabian Cancelara, gemeinsam mit Sepp Vanmarke unterwegs, auf der Verfolgung war. Nur um wenige Sekunden getrennt kamen sie in dieser Konstellation bei uns an. Der finale Paterberg riss die Zweckgemeinschaften unter ohrenbetäubendem Lärm noch einmal kurz auseinander, ehe sich aber doch in der Abfahrt die letztlich erfolgreiche Vierergruppe formierte. Fabian Cancelara gewann dann im Sprint zum 3. Mal die Flandernrundfahrt, stellte damit den Rekord ein und entließ uns hochzufrieden auf die Heimfahrt.

Fazit: Ein Radsportler sollte sowohl selbst einmal den Parcours, als aber auch die unglaubliche Stimmung während des Profirennens erlebt haben. Immerhin sahen 87% der fernsehschauenden Belgier an diesem Sonntagnachmittag die Flandernrundfahrt – eine Quote, die in Deutschland noch nicht einmal die Fußballnationalmannschaft erreicht.

Martin Reis

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