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Wenn schon nicht Ötztaler, dann wenigstens Ötztal

Höhenmeter pur im Dunstkreis des berühmtesten Alpenmarathons

Anfang des Jahres hatte sich eine kleine Gruppe RSCler für Startplätze beim Ötztaler Radmarathon beworben, ein Unterfangen welches angesichts einer deutlich höheren Bewerberzahl als verfügbarer Startplätze leider nicht von Erfolg gekrönt war. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, nach dreimaliger erfolgloser Bewerbung hat man den Startplatz sicher, also nicht verzagen.

Zwei RSCler, Björn Börgers und Martin Reis, wollten allerdings nicht gänzlich von dem Gedanken ablassen und so entschieden wir uns ohne große Planung zu einem Kurzaufenthalt im Ötztal. Gesagt getan, ging es Anfang Juli los, der Termin war dabei durch einen äußeren Rahmen recht eingeengt. 16oetztal1Aus radsportlicher Sicht besonders interessant, war die Begrenzung vor der Reise, nämlich durch die Fernfahrt Mendig-Budel. Samstags mal schnell die 240 km nach Holland abreißen und dann am Sonntag nach Österreich fahren, so war der Plan. Grundsätzlich funktionierte der Plan auch ganz gut, lediglich der Umstand mit leeren, strapazierten Beinen, statt ausgeruht und voller Tatendrang anzukommen, war etwas ungewohnt. Die tollen Wetterbedingungen – es wurde von Tag zu Tag besser, warm und ohne Niederschlag – sorgten allerdings schnell für die nötige Motivation. An Tag eins stand direkt „eine der schönsten Alpenstraßen“ (diese Eigenwerbung können wir nur bestätigen) auf dem Programm: Die Kaunertaler Gletscherstraße. Mit der Anfahrt über die Piller Höhe (inkl. tollem Blick auf das Inntal) und dem anschließenden, extrem abwechslungsreichen Anstieg bis auf 2750 m Höhe wurden direkt die 3000 Höhenmeter geknackt. Die Aussicht und die Straßenführung entlang des Gepatsch-Stausees bis an die schneebedeckten Flanken der Weißseespitze entschädigten dabei für alle Mühen. Vis a vis zum Weißseeferner schmeckte das Gipfelradler dort zumindest gefühlt besser, als es zu diesem Zeitpunkt sonst wo hätte schmecken können.

Wenn solche Touren dann eigentlich ja auch noch als „Erholung“ vom vorherigen Marathon genutzt werden sollen, dann fällt es in irgendeiner steilen Rampe (gerade am Ende hinauf zur Piller Höhe) doch etwas schwerer selbst daran zu glauben. Da aber immer ein möglicher Ruhetag im Raum stand, hatten wir Hoffnung auf Erholung. Mit Erholung und traumhafter Fahrt begann dann auch tatsächlich Etappe 2: Per PKW hatten wir den Transfer zum Reschenpass und nach Italien absolviert. Los ging es auf ebener Strecke entlang des Reschensees, vorbei am berühmten versunkenen Kirchturm von Graun und dann über den wunderschönen Etschradweg ins Vinschgau. 16oetztal2So war die erste Radstunde angenehm zu fahren und die Durchschnittsgeschwindigkeit lag jenseits der 30 km/h, was sich in den folgenden 2,5 Stunden eklatant ändern sollte. Uns stand die berühmte Nordauffahrt zur Königin der Passstraßen, dem Stilfser Joch (2757 m), im Weg. Immer im Schatten des mächtigen Ortler machten wir uns an den fast 2000 Höhenmeter überwindenden Anstieg mit seinen 48 Serpentinen. Der Moment, wenn an der Franzenshöhe, kurz oberhalb der Baumgrenze, einen kleinen Bergrücken umrundet und dann die berühmt berüchtigte Serpentinenwand des Schlussteils hinauf zur Passhöhe plötzlich in all Ihrer Schönheit ab auch ihrem gewaltigen Ausmaß vor einem liegt, ist sicher einer der intensivsten Momente beim Pässefahren in den Alpen. Auch für Björn, Alpenneuling und am Stilfser Joch erst an seinem zweiten (!!!) großen Pass überhaupt unterwegs, verfehlte der Moment seine Wirkung nicht. Das sollte man als Rennradfahrer einmal erlebt haben.

Nach dem obligatorischen Passfoto, einem Selfie mit dem Fausto-Coppi-Denkmal und einem ausgiebigen Rückblick vom Tibethaus auf das unter uns liegende Kurveneldorado, stürzten wir uns in die Abfahrt über den Umbrailpass. Quasi im Vorbeigehen hatten wir so noch den „Länderpunkt“ Schweiz abgehandelt und genossen die Abfahrt ins Val Mustair, welche allerdings immer wieder durch extreme Farbtupfer aus Holland unterbrochen wurde: Die Carbage-Rallye mit allerlei völlig verrückten Trash-Fahrzeugen führte über genau diese Route. Zum Ende der Etappe hieß es dann wieder hinauf zum Reschenpass zu fahren, glücklicherweise hatten wir allerdings schon bei der Abfahrt Teile des Etschradweges erkundet und so dessen Schönheit erleben dürfen. Der malerisch geführte Radweg würde wohl jede Alternative ausstechen, die stark befahrene Straße auf den Reschenpass aber allemal. Es gilt zwar ein paar steile Rampen zu überwinden, aber diese Mühen ist der Weg in jedem Falle wert. Pünktlich nach dem Verladen der Räder setzte dann auch der einzige Regen während unseres Aufenthalts ein, mal wieder Glück gehabt.

Zwei schwere Tage lagen nun hinter uns und wir waren schnell einig, nun ein Ruhetag und dann eine schwere Schlussetappe. Was passt da besser als eine 100-km-Runde mit dem Kühtai, dem ersten Anstieg in der Original-Ötztaler-Runde? Das für sich genommen, hätte man vielleicht noch irgendwie als „Ruhetag“ bezeichnen können, doch irgendwo hatte ich gelesen, dass es am Kühtai noch eine landschaftlich tolle Ergänzungsmöglichkeit hinauf zum Finstertaler-Stausee gibt. 350 zusätzliche Höhenmeter auf 3,5 km Zusatzstrecke klang zwar bedrohlich, aber machbar. Als dann aber der erste Kilometer relativ flach war, schwante uns Böses und tatsächlich hielt das Sträßchen zur Staumauer einige wirklich üble Rampen für uns parat. Die Aussicht entschädigte aber auch dafür und so hatten wir wenigstens Anlass unseren eigenen „Ruhetag“ ein wenig ins Lächerliche zu ziehen.16oetztal3 Der Hochgeschwindigkeitsabfahrt Richtung Innsbruck folgte noch ein längeres Flachstück über den leider etwas spärlich ausgeschilderten Inntalradweg, unterbrochen durch einige (un-)freiwillige Crosseinlagen.

Zum Abschluss sollte es dann der „echte“ Ötzi-Test sein: Timmelsjoch-Jaufenpass und Retour - 4500 Höhenmeter bei 150 Kilometern - praktisch ohne einen flachen Meter. Traumbedingungen begleiteten uns beim Start an unserer Wohnung in Sölden schon vom frühen Morgen an. Auf der Passhöhe (2474 m) überfuhren wir die Grenze nach Italien und konnten während der fast 30 Kilometer langen Abfahrt schon im Detail sehen, wo wir denn am Ende wieder hinauf müssten. Ob dies Fluch oder Segen sein würde, wagten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu sagen. Der folgende Jaufenpass fiel uns dann insofern sehr positiv auf, als das es wirklich der einzige der ganzen Tour war, der nicht irgendwann mit einigen steilen Rampen aufwartete, sondern die rund 1400 Höhenmeter in gleichbleibend moderater Steigung überwand. Nun wussten wir, dass dies die Südrampe des Timmelsjoch leider ganz anders handhabt und sowohl am Anfang, als auch am Ende des Anstieges mehrere steile Passagen anstanden. Als kleines Schmankerl gab es dann in St. Leonhard Temperaturen von knapp 35 °C, was nur nach einer Plünderung des örtlichen Supermarktes halbwegs unter Kontrolle zu bringen war. Letztlich trieb uns aber der Gedanke den letzten Pass des Tages und der gesamten Tour zu fahren immer weiter und wir erreichten am späten Nachmittag erschöpft den Gipfel. Bei der Abfahrt nach Sölden kam nun auch bei uns ein Hauch des Gefühls auf, wie es vermutlich die Ötztaler-Finisher auf diesen letzten Metern fühlen müssen: Geschafft, genial!!!

Leider gelang es der deutschen Nationalmannschaft dann nicht, am Abend im EM-Halbfinale gegen Frankreich uns einen perfekten Abschluss unseres Aufenthalts zu bescheren, aber man kann eben nicht alles haben.

Für den Ötztaler fühlen wir uns jetzt aber gerüstet, wir brauchen nur noch etwas Losglück!

Martin Reis

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