index

Einmal auf den Mont Ventoux

Der Mont Ventoux ist DER Berg schlechthin unter Radsportlern und berüchtigt für seine windgepeitschte Auffahrt durch eine kahle Mondlandschaft. Zahlreiche Geschichten und Dramen der Tour de France ranken sich um diesen Berg, epische Radsport-Kämpfe wurde hier ausgefochten. Grund genug, diesen Berg einmal selbst unter die Räder zu nehmen. Als wir mit unserer 16-köpfigen Gruppe nach einem geeigneten Quartier für einen einwöchigen Sommerurlaub suchten und in greifbarer Nähe des Ventoux, in Pont Saint-Esprit an der Rhône, fündig wurden, war schnell klar: „die Chance müssen wir nutzten, da müssen wir rauf.“ Unsere Gruppe bestand aus dem engen Freundeskreis, vom RSC waren Jörg Krechel, Lukas Laux, Philipp Braun, Arne Büttner und ich dabei.

Die ersten Tage in unserem geräumigen Feriendomizil genossen wir „La Dolce Vita“, entspannten bei Sonnenschein am hauseigenen Pool, grillten und feierten abends bis spät in die Nacht. Daneben standen Halbtagesausflüge zu Fuß und per Kanu zur nahegelegenen Gorge de l'Ardèche mit der imposanten „Caverne du Pont d'Arc“ und der Besuch der „Grotte de Sainte Marcelle“ auf dem Programm. Für den fünften Tag war dann die Auffahrt auf den Ventoux geplant, es sollte der heißeste Tag des Urlaubs werden.

Sonnenschein, ein wolkenloser Himmel und Temperaturen um die 25 °C weckten schon am frühen Morgen unsere Vorfreude. 16ventoux1Vom Frühstückstisch aus und auch während der einstündigen Anfahrt nach Malaucenne war der Ventoux in der Ferne stets sichtbar und rückte immer größer ins Blickfeld. In Malaucenne angekommen, mieteten wir uns wie geplant in einem Fahrradladen unsere Räder – insgesamt sechs E-Bikes und drei normale Straßenräder. Die Nicht-Radsportler unter uns konnten motorisiert mit den anderen in den Genuss der Auffahrt auf den Berg kommen. Lukas Laux hatte als einziger sein eigenes Straßenrad mit dabei.

Direkt am Start dann die böse Überraschung für alle E-Biker: „Bitte nur den Eco-Modus (kleinste Stufe des Motors) verwenden! Sonst wird der Akku vermutlich nicht bis zum Gipfel reichen.“ Dies bedeutete natürlich für die untrainierten Fahrer eine deutlich Erschwerung. Der Motor würde zwar etwas die Fahrt unterstützen, jedoch wäre die Anstrengung um einiges höher als mit voll zugeschaltetem Motor. So sollte die Bergfahrt auch für die E-Biker zur echten Kraftprobe und Herausforderung werden.

Nach einer kurzen Einweisung der Räder starteten wir dann auch schon unsere Bergtour über die Westrampe direkt ab dem Ortsausgang von Malaucenne. Eigentlich war zunächst eine kurze und flache Einrollfahrt bis ins 10km entfernte Bédoin geplant, wo die Auffahrt über die Südrampe (welche von der Tour de France bevorzugt uns als die schönere beschrieben wurde) stattfinden sollte. 16ventoux2Doch wegen der E-Bikes und dem jederzeit möglichen „Akku-Problem“ mussten wir uns kurzfristig umentscheiden und fuhren die Westrampe hinauf, sodass im Falle leerer Akkus nur wieder hinabgerollt werden musste. Von den Daten her – 21Km und rund 1600 Hm – sind beide Auffahrten nahezu indentisch.

Die ersten Kilometer des Anstiegs verliefen durch lichten Wald und waren mit geschätzten 6% im Schnitt noch recht locker fahrbar. Entgegen unserer Befürchtungen waren die „gedrosselten“ E-Bikes doch langsamer unterwegs und für die „normalen“ Fahrer war es kein Problem, Schritt zu halten bzw. sogar schneller zu fahren. Die E-Biker mussten sich ebenfalls ihre Kräfte gut bis oben einteilen, weshalb auch sie ein eher ruhiges Tempo einschlugen.

So blieb die Gruppe lange zusammen und jeder suchte seinen persönlichen Rhythmus, um mit der Steigung klarzukommen. Im unteren Abschnitt schien man in der Ferne bereits den Gipfel des Berges zu sehen, jedoch war für die Kenner schnell klar, dass dies nicht der Fall war. Der Gipfel des Ventoux ist berüchtigt wegen des weißen Kalksteins, der ihn umgibt. Von Weitem könnte man dies sogar mit Schnee verwechseln. Wir sahen jedoch von unten nichts dergleichen, weshalb noch ein weiter Weg bis ganz oben bevorstehen musste und der sichtbare Gipfel nicht der solche sein konnte. Über lange Geraden und weit auslaufende Kurven schlängelte sich die Straße nun empor, je höher wir kamen, desto besser wurde die Aussicht auf die weitläufige, flache Umgebung. Ab und an begegneten wir anderen Radsportlern, die sich ebenfalls den Berg hinauf quälten. Oft waren wir schneller, ab und an wurden wir auch von richtig fitten Fahrern überholt, die scheinbar ein Bergtraining einlegten.

Zwischendurch legten wir an Aussichtspunkten kurze Pausen ein, um die Sicht zu genießen oder einfach nur an einem schattigen Plätzchen der immer stärker werdenden Hitze zu entgehen. 16ventoux3Im Mittelteil der Auffahrt wurde es jetzt zunehmend steiler, teilweise gab es elend lange Geraden, die mit über 10% im Durchschnitt hinauf führten und uns schwer zu schaffen machten. Nach 14 gefahrenen Kilometern, also knapp 2/3 des Anstiegs, wurde es dann wieder kurz flacher und wir kamen zur „Station du Mont Serein“. Die Straße teilte sich hier in einen Abzweig zum nahegelegenen Mont Serein und zum Gipfel des Mont Ventoux, der nur noch 6 km entfernt lag. Wir folgten natürlich der Straße zum Ventoux und es wurde auch sofort wieder steiler. Knapp 2 km verlief der Weg durch dichteren Wald, bevor dann hinter einer Kurve plötzlich eine Serpentinenwand durch den kahlen Fels zum Vorschein kam. Der tatsächliche Gipfel und ein hoher Turm waren weiter oben sichtbar und die Straße sah doch etwas furchteinflößend aus. Auf den letzten Kilometern nach oben konnte man jedenfalls tolle Blicke hinab auf den gefahrenen Weg oder die weite Landschaft genießen. Vorbei am Observatorium war schon bald die letzte Kurve erreicht und der Gipfel nur noch wenige Meter entfernt. Die Kräfte waren auch schon weitgehend aufgebraucht und eine Pause willkommen.

Jörg Krechel erreichte als ersten den Gipfel, gefolgt von mir, Arne Büttner und Lukas Laux mit etwas Abstand. Weiter unten konnten wir die anderen einen nach dem anderen beobachten, wie sie sich die letzten Serpentinen hinauf quälten. Auch die E-Biker hatten sichtlich schwer zu kämpfen und waren froh, es bis oben geschafft zu haben. Als letzter kam Marco Nellessen knapp 20 min nach Jörg oben an. Ohne einen einzigen Km an Training im Vorhinein und das erste Mal auf einem Straßenrad (ohne Motor) unterwegs, war dies eine hervorragende Leistung.

Oben am Gipfel erwarteten uns neben recht starkem Wind und der berüchtigten „Mondlandschaft“ bereits unsere restlichen Miturlauber, die mit dem Auto hinauf gefahren waren und uns mit frischen Getränken versorgten.16ventoux4 Alle zusammen genossen wir das grandiose Panorama vom „Giganten der Provence“, die Fernsicht war spektakulär an diesem Tag. Nach einigen Passfotos mit der Gruppe ließen es Jörg, Lukas und ich uns nicht nehmen, noch die Abfahrt nach Bédoin zu fahren und dann über einen kleinen Bergrücken nach Malaucenne zurückzukehren. Die anderen fuhren auf dem Hinweg wieder hinab.

Die Abfahrt über die „Tour de France“-Seite nach Bédoin war ebenfalls spektakulär, denn vor allem die letzten Kilometer bis zum Gipfel sind von dieser Seite komplett dem Wind ausgesetzt und verlaufen durch eine kahle Steinwüste. Wir fuhren relativ zügig bergab und erreichten nach ein paar Fotostopps bald die Ortschaft Bédoin, wo die Temperaturen für diesen Tag ihren Höchststand erreichten. Über eine schöne, sanft ansteigende Straße durch trockenes Waldgebiet verlief der Rückweg bis nach Malaucenne. Immer wieder konnten wir den Blick zurück schweifen lassen, wo der Ventoux majestätisch im Rücken empor ragte. Schon bald waren wir wieder in Malaucenne, wo wir nach einem tollen Tag und mit dem Ventoux in unseren Palmares ins Quartier zurückkehrten. Die Fahrt auf den „Riesen der Provence“ sollte allen noch lange in Erinnerung bleiben.

Martin Schäfer

Zurück

Sponsoren

> hier mehr


Aktuelle Termine

> hier mehr


RTF-Termine

> hier mehr