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Paris-Brest-Paris 2011

Nun ist es also endlich soweit. Ich stehe auf dem Sportplatz „Gymnase des Droits de l' Homme“ in Saint-Quentin-en-Yvelines und warte auf die Startfreigabe.

Paris-Brest-Paris - 21.-25. August: Das große Finale der Brevet-Serie 2011.

1230 km innerhalb von 90 Stunden.

Es ist 21:30 Uhr, ein heißer Tag neigt sich dem Ende zu. Eine letzte Beleuchtungskontrolle, und ich rolle zum Start vor. Solostart, also Gruppen von maximal 20 Teilnehmern. Ich bin der letzte in der letzten Gruppe, was als Anlass zur Offerte eines Kusses genommen wird. Der Start wird jedoch freigegeben, bevor es zu weiterführenden Interaktionen kommt und ich passiere um 21:32 Uhr die Induktionsschleife. Unter dem Jubel der Zuschauer durchfahren wir den Rond-Point des Sangliers und biegen in Avenue des Garennes Richtung Westen ein. Die ersten Kilometer führen durch die Trabantenstädte von Paris; ein Ort am anderen und eine Ampel nach der anderen. 11pbp1Ich löse mich schnell von meiner Startgruppe und passiere in kurzem Abstand zwei Gruppen, die vor uns losgefahren sind. Aus der ersten Gruppe, die ich einhole, gehen 7 Fahrer aus Seattle - oder vielmehr aus „Sejaadel“- mit. Darunter eine Frau, die ohne Punkt und Komma quasselt und deren Redefluss ich – unter vielem Anderen - vorgenannte korrekte Intonation ihres Herkunftsortes entnehmen kann.

Bei km 15 wird es hügelig und die Seattle-Fahrer ziehen in den Anstiegen von dannen, um in den Abfahrten wieder von mir und einigen anderen Fahrern überholt zu werden. An einem der nächsten Anstiege lässt die Gute verlauten, sie „feels like ping-paaahng“. In mir regt sich der Verdacht, dass dies ein Weltrekordversuch im Dauerquatschen ist und ich bewundere ihre Ausdauer. Immer und immer wieder höre ich die vertraute Stimme näher kommen... Jedoch, o Wunder, bei km 120 überhole ich die Seattle-Gruppe ein letztes Mal und - die Dame schweigt. Tatsächlich, sie schweigt. Alsbald finde ich mich allein auf weiter Flur wieder und genieße die lauschige Nacht mit ihrer himmlischen Ruhe. Ich überhole drei Frauen von den Philippinen, sie fahren in meinem Windschatten mit. Eine von ihnen hat eine superhelle Beleuchtung, ich werfe einen riesigen Schatten auf die Bäume vor uns. Am Ende einer langen Steigung fahren wir auf eine weitere Philippina auf, welche von den drei anderen freudig begrüßt wird. Dann, bei km 140 erreichen wir MORTAGNE AU PERCHE, die erste Verpflegung. Ich genehmige mir ein leckeres Baguette mit Paté, fülle meine Trinkflaschen auf und begebe mich ins Innere der Halle. Gerade rechtzeitig, denn es beginnt leicht zu tröpfeln. Drinnen treffe ich auf Robert, einen Japaner, mit dem ich mich am späten Nachmittag in Saint-Quentin unterhalten hatte und wir tauschen unsere Erlebnisse aus. Nachdem ich mir eine Suppe geholt habe, ist er verschwunden. Dafür sehe ich aber den Begleiter der Philippinas. Er ist mindesten 30 cm größer als die Frauen und mehr als doppelt so schwer. Es sieht aus, als hätte er seine Kinder mitgebracht. Der Regen ist vorbeigezogen, als ich mich wieder auf den Weg mache. Unterwegs gesellt sich ein Inder aus Bangalore zu mir. Wir fahren 50 km zusammen, wobei wir uns mit der Führungsarbeit abwechseln und reden allerlei Unsinn. Ich stelle die Vermutung an, dass die Anzahl der indischen Radfahrer die Einwohnerzahl Europas übersteigt. Er gibt mir im Prinzip Recht, relativiert das Ganze aber damit, dass der Anteil der Rennradfahrer ein sehr geringer sei.

In der Morgendämmerung, ca. 15 km vor der Kontrolle, bemerke ich, dass nicht mehr er an meinem Hinterrad ist, sondern der schweigsame Lutscher, der sich mindestens 40 km an uns rangehängt hatte. 11pbp2Naja, seis drum. Bei km 221 dann die erste Kontrolle in VILLAINES LA JUHEL. Ich liege gut in der Zeit und esse meine erste Portion Nudeln. Der zweite Tag ist bewölkt, aber warm. Hinter Fougeres türmen sich überall dunkle Wolken auf. Eine Zeitlang ist das Unwetter hinter mir, dann fahre ich parallel dazu. Bis auf ein paar Tropfen bekomme ich nichts ab und ich hoffe, trockenen Rades bis nach TINTENIAC zu gelangen. Doch weit gefehlt: ca. 15 km vorher geht es jäh nach rechts, direkt auf das Gewitter zu. Hurra. Es beginnt zu schütten wie aus Kübeln, vor uns ständig Blitze. Das Anlegen von Regenkleidung ist jetzt sinnlos, da ich eh völlig durchnässt bin. Endlich um 18:45 Uhr in TINTENIAC angekommen, treffe ich Mario. Hinter ihm sehe ich, wie ein Randonneur im hohen Bogen aus der Ausgangstür kotzt. Lustig hier. Mario berichtet, dass auch an den benachbarten Kontrollen das Inferno wütet. Er geht, sich schlafen zu legen und ich sitze wie ein Häuflein Elend am Tisch, während mir das Wasser aus den Schuhen läuft. Die Moral ist am Tiefpunkt. Nach gerade mal 380 km. Ich überlege kurz, mich auch schlafen zu legen, gehe dann mein Gepäck holen und begebe mich zu den Umkleideräumen. Draußen ist es stockfinster, ich schnattere vor Kälte. In Zeitlupentempo trockne ich mich ab und ziehe meine zweite Garnitur an, inklusive Regenponcho und Überschuhen. Bin schließlich nicht hergekommen, um aufzugeben. Als ich weiterfahre, hat es sich eingeregnet. Es wird zunehmend hügelig, so dass mir schnell wieder warm wird. Es wird zunehmend surreal. Nachts um 2 Uhr steht ein Mann mit Schirm in der Finsternis mitten im Regen und wünscht mir „bonne courage“. Irgendwo bei km 500 reißt die Wolkendecke auf. Im fahlen Mondlicht sehe ich die Bäume am rechten Wegesrand. Hinter CARHAIX-PLOUGUER geht es im Dauerregen in den längsten Anstieg des Hinwegs. 20 km ständig bergauf.

Der Morgen dämmert. An etwas geschützten Plätzen sehe ich links und rechts schlafende Randonneure unter Rettungsdecken liegend. Einer liegt mitten im Regen ohne Decke auf der Wiese. Es wird zunehmend neblig. Oben angekommen säubere ich erst einmal meine Brille, da ich kaum noch etwas sehe. In der langen Abfahrt lässt der Regen tatsächlich nach und es klart langsam auf. Die ersten Straßenschilder Richtung BREST sind zu sehen, doch wir werden ständig in die andere Richtung geschickt. Dann endlich, das lang ersehnte Ortsschild. Es geht über eine beeindruckende Brücke, dann lange durch Hafengebiet, bis ich bei km 638 die Kontrolle erreiche. Prima, die Hälfte ist geschafft. Zurück muss ich ja eh. In LA FEUILLEE fahre ich auf der Suche nach einer Boulangerie an Camille vorbei, ohne ihn zu sehen. Er ruft mir hinterher. Er sagt, er fühlt sich gut und will unbedingt weiterfahren, alleine um die Gesichter der anderen zu sehen. Je weiter man komme, desto dramatischer werde es. Wieder in CARHAIX-PLOUGUER bei km 723 bin ich etwas müde und schlafe 15 Minuten an einem der Tische in der Kantine. In SAINT-NICOLAS-du-PELEM trinke ich einen Kaffee am Verpflegungspunkt und einen weiteren, stärkeren in einem Bistro. Auf dem Weg nach LOUDEAC bekomme ich schmerzhaftes Sodbrennen, was ich auf den Kaffee zurückführe. Jedes Mal, wenn die Säure in der Speiseröhre hochsteigt, trinke ich etwas Wasser. Das lindert die Beschwerden etwas. Ich esse Nudeln ohne Sauce und trockenes Brot und schlafe noch etwas. Da ich vergesse, den Wecker zu stellen, werden aus der geplanten Viertelstunde 20 Minuten. Als ich um 0:50 Uhr an der Geheimkontrolle in ILLIFAUT ankomme, ist das Sodbrennen so stark, dass ich nach Gegenmitteln frage. An den Kontrollen dürfen keine Medikamente ausgegeben werden, aber es wird ein Arzt angerufen. Man bedeutet mir, mich etwas hinzulegen, aber ich bin viel zu unruhig dafür. Ich unterhalte mich etwas mit Harald. Seine Augen sind stark gerötet; er ist besorgt, die Schlusszeiten nicht einhalten zu können und zieht weiter. Der Arzt trifft eine halbe Stunde später ein und gibt mir eine Tablette zur Neutralisation sowie zwei Gels für den Fall, dass es wieder schlimmer wird. Dann fragt er mich, ob ich viel getrunken hätte. Als ich bejahe, erklärt er mir, dass mein Sodbrennen eben daher kommt. Na klasse. Ich bedanke mich vielmals und breche wieder auf.

Auf den folgenden Kilometern lässt das Sodbrennen deutlich nach, dafür beginnt alles andere zu schmerzen: Rechter Unterarm infolge eines Insektenstichs, angeschwollen wie ein Ballon. Linker Überschuh hat eine Zeitlang an der Haut gescheuert, auch der Fuß schwillt an. Handgelenke, Knie, Schulter- und Nackenmuskulatur tun weh. Ich frage mich zum wiederholten Male, warum ich solch einen Blödsinn mache und sage mir: Nie wieder! Ich sehe, wie ein Fahrer vor mir einen Pfeil nach rechts übersieht und rufe ihm etwas zu. Aus dem Dunkel vor mir kommt ein „thank you“. Bei Km 861 in QUEDILLAC lege ich mich in einen Ruheraum, wo ich 45 Minuten lang fürstlich schlafe. Nach dieser erquickenden Pause fühle ich mich wie neugeboren und fliege förmlich nach TINTENIAC und weiter nach FOUGERES bei km 945. Hier treffe ich Christian und Thomas (Anm.: bekannt vom Brevet in Köln), die am Montag um 5:00 Uhr gestartet sind, dafür aber nur 84 Stunden Zeit haben. Ich erfahre, dass „Paffi“ gut drauf und auf 72 Stunden-Kurs ist. 11pbp3Nachdem ich mir in einer Apotheke Voltaren Salbe besorgt habe, hole ich sie wieder ein und wir fahren ein Stück gemeinsam. Irgendwo, kurz vor km 1000 lassen wir uns an einer Pizzeria nieder. Leider gibt es keine Pizza mehr, da man schließen möchte. Ich verteile dafür meine mitgebrachten Bifi und organisiere noch ein Stück Kuchen. Später trenne ich mich von den beiden, da sie recht langsam weiterfahren. In VILLAINES-la-JUHEL bei km 1030 sehe ich die beiden erst wieder, als ich vom Essen zurückkomme. Sie brechen gerade schon wieder auf. Auf der Weiterfahrt dann weiteres Ungemach: Mein rechtes Bein beginnt zu schmerzen.

Ein paar km weiter realisiere ich, dass ich mir einen Wolf gefahren habe. Inzwischen mit einer der Vereinshosen unterwegs habe ich das Gefühl, mit den Sitzknochen direkt auf dem Gestänge des Sattels zu reiben. Ich ziehe mir eine meiner Assos Mille an, was etwas Erleichterung bringt und erinnere mich der Worte von Dr. Michael Nehls, „die Schmerzen zu akzeptieren“. Blöderweise will mir dies ganz und gar nicht gelingen, so dass ich bis MORTAGNE-au-PERCHE bei km 1120 die meiste Zeit im Wiegetritt fahre. Es ist 23:44 Uhr, als ich eintreffe und an meinem Umhängebeutel nestele, um an das Fahrtenbuch zu kommen. Nach 5 Minuten schaffe ich es, den Öffnungsmechanismus wieder zu reparieren und widme mich Christian und Thomas, die kurz nach mir eingetroffen sind. Wir essen eine leckere Bratwurst und ich suche den Ruheraum auf, um meinem Popo ein wenig Erholung zu gönnen. Ich werde von Thomas dahingehend ermutigt, dass das allenfalls kurzzeitig etwas Linderung bringen wird. Den Ruheraum kann man nicht unbedingt als solchen bezeichnen, das Schnarchkonzert ist von beeindruckender Lautstärke. Nichtsdestotrotz schlafe ich schnell ein und ruhe luxuriöse 90 Minuten. Durch die lauschige Nacht geht es weiter. In einem der Anstiege frage ich einen Engländer, was er zu solch nachtschlafender Zeit auf einsamen Landstraßen treibt, worauf er mir versichert, er sei ein Naturfreund und genieße die wundervolle Landschaft im Mondschein. Etwas später fahre ich an einer Gruppe von mindesten 20 Randonneuren vorbei. Sie stehen im Kreis, die Beleuchtung ihrer Fahrräder und ihre Helmlampen brennen. Sie schauen auf etwas in ihrer Mitte. Eine gespenstische Szene.

Auf einer Anhöhe tanzt ein Lichtpunkt links von mir auf der Straße. Einer derjenigen, die ich überholt habe, hat sich in meinen Windschatten gehängt. Der Lichtpunkt nervt. Nach ein paar Kilometern höre ich auf zu treten und genehmige mir ein Gel. Pfefferminzgeschmack. Fürchterlich. Der Lichtpunkt will nicht von meiner Seite weichen. Erst als wir fast stehen, überholt die Nervensäge und hängt sich an die nächste Gruppe. Offensichtlich sind mittlerweile alle so platt, dass die jeden Windschatten ausnutzen wollen. Ich trete wieder an und überhole mit so großem Geschwindigkeitsüberschuss, dass er nicht mehr folgt. Es dauert jedoch nicht lange, bis sich wieder eine Gruppe an mich ranhängt. Üblicherweise lasse ich das gerne zu, hier will ich jedoch einfach meine Ruhe haben. Ich trete einmal kräftig an und bin endlich wieder allein. Der Straßenbelag ist mittlerweile erbärmlich, es haut einem sämtliche Knochen und Eingeweide durcheinander. Nach endlosen Kilometern auf diesen Rüttelstrecken endlich wieder guter Straßenbelag. Ich überhole einen Japaner. Als ich an ihm vorbei bin, sehe ich einen Pfeil nach rechts. Ich zeige nach rechts und fahre selber geradeaus. Was der wohl gedacht haben mag? Ich wende und überhole ihn kurze Zeit später wieder. Um 6:23 Uhr komme ich bei km 1198 an der Kontrolle in DREUX an. Es gibt jede Menge leckerer Dinge zu essen und ich lange kräftig zu. Lange unterhalte mich mit einem Randonneur aus dem Kölner Raum und einigen Dänen. Eigentlich möchte ich noch etwas schlafen, trinke stattdessen einen Red Bull und mache mich auf zur letzten Etappe. Meine Frage, in welcher Richtung Brest liege, wird mit einem Handzeichen in die entsprechende Richtung sowie einem fröhlichen „bonne courage, Monsieur!“ kommentiert und ich rolle guter Dinge los. Richtung Paris. Es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint. 11pbp4Ich überhole einen Randonneur mit ARA-Deutschland- Trikot und einer Art Irokesenfrisur in schwarz-rot-gold auf dem Helm und frage ihn, wo er denn herkomme. Keine Antwort. Ich frage ihn, warum die Fahrer denn immer schweigsamer würden und er furzt ein „schönes Wetter“ zurück. Hihi, gereizt! Ich amüsiere mich. Vor einem steilen Anstieg entledige ich mich ob der stark angestiegenen Temperatur einiger wärmender Kleidungsstücke. Ein Franzose fragt, ob alles in Ordnung sei. Als ich bejahe, erzählt er mir, dass auch er vor Tinteniac in das Unwetter geraten sei und es völlig durchnässt vorgezogen habe, mit dem TGV zurückzufahren. Er wünscht mir eine gute Weiterfahrt und ich erklimme den Anstieg.

In ELANCOURT, 10 km vom Ziel entfernt, mache ich an einer Tankstelle halt, wo ich eine Cola und einen Schokoriegel erstehe. Hinter ein paar Bäumchen ein Tisch und Stühle. Ich schlängele mich hindurch und unterhalte mich eine Dreiviertelstunde lang mit einem Australier, der sich dort niedergelassen hat. Es ist super Wetter, noch jede Menge Zeit, die Unterhaltung lustig. Ob ich nun eine Stunde früher oder später am Ziel ankomme ist mir völlig gleichgültig. Die letzten Kilometer werden mir mit starkem Autoverkehr und gefühlten 5000 Ampeln versüßt. Als ich in den Rond-point des Saules einbiege und um 11:42 Uhr das lang ersehnte Ziel am Gymnase des Droits de l'Homme erreiche, bin ich tatsächlich traurig, dass es vorbei ist. Es war ein Höllenritt, doch die Begeisterung der Zuschauer und die vielen unermüdlichen Helfer lassen einen alles Negative vergessen. Körperlich am Ziel, sollte es noch einige Zeit dauern, bis ich auch innerlich ankomme. Nachdem die Formalitäten erledigt sind, lasse ich mich draußen auf der Wiese nieder und versuche, abzuschalten.

Paris-Brest-Paris, 1264 km. Die schiere Distanz zehrt an Körper und Geist. Unzählige Anstiege. Teilweise katastrophaler Straßenbelag. 54 Stunden und 31 Minuten im Sattel. 3 Tage und 4 Nächte.

Schmerzen am ganzen Körper.

Ich habe es gehasst.

Ich liebe es.

Paolo Ferrara

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